Eingehen auf den einzelnen Menschen und mehr: Seelsorge für Menschen mit Behinderung
Maria Kalscheur, ausgebildete Begleiterin in der Seelsorge für Menschen mit Behinderungen, stand uns in der HEP/U am 31.01.2014 Rede und Antwort, um uns über ihr Arbeitsfeld im St. Johannesstift Kranenburg zu berichten.
Erst seit einigen Jahren bietet unser Bistum Münster diese Qualifikation zur Begleiterin in der Seelsorge für Menschen mit Behinderungen für diejenigen Personen an, die in Einrichtungen der Behindertenhilfe arbeiten und sich in ihrer seelsorgerlichen Arbeit weiterbilden möchten. Unsere Referentin gehörte zu den ersten Absolventinnen dieser Kurse.
Im Religionsunterricht hatten wir uns in den letzten Wochen viel mit Leitbildern der Einrichtungen in unserem Umkreis beschäftigt und mit der Frage, wie diese in der konkreten Arbeit sichtbar gemacht werden können. Frau Kalscheur besuchte uns nun, um uns exemplarisch ihre Einrichtung in kirchlicher Trägerschaft und deren Leitbild vorzustellen, und anschließend vor diesem Hintergrund ihre konkrete Arbeit als Begleiterin in der Seelsorge mit Menschen mit Behinderung zu beschreiben.
Zu Beginn stellte Frau Kalscheur sich persönlich vor. Sie hat zwischen 1980 und 1982 ihre Erzieherausbildung an der Liebfrauenschule gemacht und später eine Weiterbildung zur Heilpädagogin. Im Jahr 2012 begann sie zusätzlich dann die Ausbildung zur Begleiterin in der Seelsorge mit Menschen mit Behinderung. Seit 24 Jahren ist sie schon im St. Johannesstift tätig. Sie selbst fühle sich dort als Gast, da sie in einem Haus arbeite, in dem andere Menschen wohnen, so Frau Kalscheur. Danach stellte sie den St. Johannesstift in Kranenburg vor und unterstrich ihre Erzählungen mithilfe der Internetseite des St. Johannesstift. Zur Geschichte des Hauses erfuhren wir so zum Beispiel, dass es ehemals ein Krankenhaus war. Zum jetzigen Zeitpunkt leben 82 Menschen im St. Johannesstift, überwiegend Männer. Im so genannten Stammhaus leben 50 Menschen zu je 10 BewohnerInnen in einem Wohnbereich. In den beiden Außenwohnbereichen leben je 8 BewohnerInnen in zwei Wohneinheiten, die miteinander verbunden sind.
Frau Kalscheur selbst arbeitet im tagesstrukturierenden Bereich, der im St. Johannesstift „Mosaik“ genannt wird. Der Ursprung dieses Namens kommt daher, dass in einem Mosaik viele verschiedene Steinchen ein schönes Bild ergeben, in dem jeder seinen Platz hat.
Eine ihrer Schwerpunktaufgaben als Begleiterin in der Seelsorge ist die Gestaltung von Festen und Feiertagen, die sehr wichtig sind, da die Menschen im St. Johannesstift sich am Kirchenjahr orientieren und laut Frau Kalscheur „von Fest zu Fest“ und somit quasi immer in Vorfreude leben. Von besonderem Gewicht im Jahr sind hier Ostern, Weihnachten, Nikolaus und Erntedank. Durch entsprechende Dekorationen, die immer mit den Bewohnern gestaltet werden, versucht sie, über das jeweilige Fest ins Gespräch zu kommen. „Schon die im Wohnbereich liegenden Ostereier eröffnen wertvolle Gespräche“, so Frau Kalscheur. Über die Gestaltung von Wohnbereichen gehört aber auch die Gestaltung von Gottesdiensten in leichter Sprache zu ihrem Aufgabengebiet.
Zu diesem Thema hatte Frau Kalscheur auch einige Materialien mitgebracht. So zeigte sie uns unter anderem Bilder, die im St. Johannesstift entwickelt wurden, um den Bewohnern das Fest Ostern näher zu bringen. Dazu gehörte ein Bild von der Kreuzigung Jesu, bei dem es möglich war, Jesus – mittels Klettverschluss -vom Kreuz zu nehmen und ihn in das danebenstehende Bild mit dem Grab zu legen. Auch hatte Frau Kalscheur einen echten Schokoladen- Nikolaus mitgebracht, der nicht als roter Weihnachtsmann dargestellt war, sondern als Bischof mit Bischofsstab und Mitra.
Eine andere Aufgabe neben der Fest- und Feiergestaltung ist die aktive Seelsorge, die, wie sie sagt, häufig auch mal zwischen Tür und Angel stattfindet. Hierbei geht es oftmals um Begegnungen, in denen alle möglichen Dinge des Alltages thematisiert werden, die für die Bewohner aber von elementarer Bedeutung sind, z.B. „Warum durfte er heute vorne im Bus sitzen und ich nicht?“ „Stress und Ärger will losgelassen werden, dafür stehe ich auch zur Verfügung“, so Frau Kalscheur. Man braucht also ganz viel Gefühl für das, was bei den Bewohnern gerade ansteht und das nicht selten auch mit besonderer Freude zu tun, z. B. die Vorfreude auf den Geburtstag. „Eingehen auf die Menschen, im Hier und Jetzt auf Augenhöhe miteinander in Beziehung treten, mit der nötigen Empathie und Wertschätzung meines Gegenübers“, damit ließe sich wohl die Aufgabe gut zusammenfassen.
Aber auch der Umgang mit Sterben und Tod spielt in ihrer Arbeit eine Rolle. Zu diesem Thema nannte sie uns ein Beispiel aus ihrer Arbeit. Einer der Bewohner war plötzlich verstorben und hinterließ seine Mitbewohner in einer Art Schock. Besonders Fragen wie „Wo ist er denn jetzt?“ waren zu dieser Zeit ein Thema. Als Seelsorgerin habe sie dann die Aufgabe, mit dem Team zu überlegen, wie solche Situationen gemeinsam gestaltet werden können. „Was brauchen die Mitbewohner mit einer geistigen Behinderung in dieser Zeit? Ist zum Beispiel eine Gesprächsrunde hier der richtige Weg?“, diese Fragen gelte es zu beantworten, so Frau Kalscheur. Man selber müsse es dann immer wieder auch schaffen, mit der eigenen Betroffenheit und Traurigkeit umgehen zu können und für sich klären, wie man es auffangen kann, wenn Bewohner weinen und fragen, ob sie jetzt auch sterben müssen. „Auf diese Rolle muss und kann man sich vorbereiten. Besonders hilfreich ist hierfür eine solche Ausbildung, wie ich sie machen konnte. Dort lernt man alleine schon die Strukturierung solcher Prozesse“, so Frau Kalscheur. In einem Themenblock dieser Ausbildung ging es schwerpunktmäßig um das Thema Trauerarbeit, zu der zwingend die persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema Sterben und Tod gehörte.
Nachdem Frau Kalscheur uns viele Dinge aus ihrem Arbeitsalltag erzählt hatte, bekamen wir die Gelegenheit, ihr einige Fragen zu stellen, die sie ausführlich beantwortete.
So antwortete sie z.B. auf die Frage, ob es einen Arbeitskreis zum Thema Tod im St. Johannesstift gibt, dass dieser in Arbeit ist. Sie findet einen solchen Arbeitskreis sehr wichtig, da der Tod in den Einrichtungen der Behindertenhilfe immer mehr zum Thema wird. Aus dem Gespräch dazu ergab sich die Überlegung einer möglichen Zusammenarbeit zwischen ihr und unserer Klasse, da wir uns demnächst mit dem Thema Konzeptionalisierung von Hospizarbeit in Einrichtungen der Behindertenhilfe befassen werden.
Auf die Frage, ob die Bewohner des St. Johannesstift Kranenburg aktiv in der Gemeinde tätig sind, erzählte Frau Kalscheur von einigen Messdienern, die diese Aufgabe seit 30 Jahren übernehmen und selbstverständlich in den Gemeindegottesdienst integriert sind. Ihre Aufgabe sei es aber auch, die Vernetzung zwischen Einrichtung und Gemeinde zu intensivieren, indem sie zum Beispiel am lokalen Pastoralplan mitarbeitet.
Uns hat dieser Vortrag gezeigt, wie in diesem Falle das Leitbild eines Wohnheimes in kirchlicher Trägerschaft konkret mit Inhalt gefüllt werden kann und wie vielfältig seelsorgerliche Arbeit ist. In viele dieser Aufgaben sind wir als angehende Heilerziehungspfleger eingebunden, so dass sich mancher von uns nach dem Vortrag die Frage stellte, ob eine solche Zusatzqualifikation nicht auch für uns interessant wäre.
Zum Abschluss ihres Besuches durfte sich jeder eine Karte mit einem Engel darauf aussuchen, die von den Bewohnern des St. Johannesstift zum 30-jährigen Jubiläum gestaltet wurden. Aber auch Frau Kalscheur ging nicht leer, denn wir bedankten uns bei ihr mit dem aktuellen Schuljahrbuch und einer Packung Merci.
Text: Miriam Hendricks (HEP/U)
Fotos: Andreas Mäteling


