Bei Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Apotheker!

Am 4.2.2014 hat uns, die HEP/O, der Apotheker Herr Philipp Kramer besucht. Herr Kramer ist Apotheker und Inhaber der Drachen Apotheke in Geldern. Er hat uns einige Informationen rund um das Thema Psychopharmaka gegeben.

Im Vorfeld hatten wir im Psychiatrieunterricht verschiedene psychiatrische Erkrankungen besprochen und uns einige Wochen zuvor besonders intensiv mit dem Thema „Depressionen“ befasst. Da bei diesen Erkrankungen die medikamentöse Therapie mit Antidepressiva eine große Rolle spielen, für deren Ausgabe an Bewohner und Beschäftigte wir in unserem späteren Beruf als Heilerziehungspfleger/innen verantwortlich sind, waren wir besonders daran interessiert, von Herr Kramer genaueres darüber zu erfahren. Aber unser Interesse galt nicht nur diesen Medikamenten, sondern den Psychopharmaka allgemein. Darüber durften wir dann im weiteren Verlauf des Vortrags einiges erfahren.

Zu Beginn der Präsentation wurde zunächst einmal geklärt, was ein Psychopharmakon ist und wo es eingesetzt wird. Das ist der Fall z.B. bei psychologischen Störungen, neurologischen Krankheiten und Schmerzen – meist – neuropathischer Art.

Danach folgten genaue Informationen zu den Unterarten der Psychopharmaka. Herr Kramer begann mit den „Antidepressiva“. Er erzählte uns, dass Antidepressiva bei Depressionen, Zwangsstörungen, Panikattacken und Essstörungen eingesetzt werden. Diese Medikamente wirken depressionslösend, stimmungsaufhellend, angstlösend, beruhigend psychomotorisch aktivierend oder dämpfend. Wichtig ist, das Antidepressiva erst nach zwei bis vier Wochen wirken, die Nebenwirkungen aber sofort, also ab der ersten Tablette, auftreten. Dies sollte mit den Patienten besprochen werden, damit sie die Einnahme nicht frühzeitig beenden. Zu den Nebenwirkungen zählen unter anderem Schlaflosigkeit, Gewichtszunahme und Störungen der Sexualfunktion. Zusätzliche „ Anticholinerge Nebenwirkungen“ können sein: Mundtrockenheit, Verstopfung und Hypotonie (Niedriger Blutdruck).

Eine zweite Unterart der Psychopharmaka bilden die „Neuroleptika“. Wir erfuhren, dass diese vor allem bei Demenzerkrankten, Schizophrenie und Angst eingesetzt werden. Sie lindern die psychotischen Symptome und haben den Vorteil, dass sie das Bewusstsein und die intellektuellen Fähigkeiten kaum beeinflussen. Zudem sind sie unterschiedlich stark sedierend und vegetativ dämpfend.

Im Anschluss an die Neuroleptika, lernten wir die „Tranquilizer“ kennen. Sie werden bei Unruhe, Angstspannungszuständen, Depressionen und Schlafstörungen sowie Epilepsie eingesetzt. Die Tranquilizer, welche auch Benzodiazepine genannt werden, sind angstlösend, beruhigend, schlafanstoßend und haben eine muskelrelaxierende Wirkung. Es tritt kein antipsychotischer Effekt ein. Besonders wichtig ist, dass sie ein Gefühl der Gleichgültigkeit hervorrufen. Nebenwirkungen sind unter anderem Müdigkeit, Erregungs- und Verwirrtheitszustände sowie eine Appetitsteigerung. Bei den älteren Menschen kommt es zudem häufig zu schweren Stürzen. Früher wurden Tranquilizer, so Herr Kramer, jedem mitgegeben, der die Apotheke besuchte und danach verlangte. Bis vor einigen Jahren war man sich noch nicht der Abhängigkeit machenden Wirkung der Tranquilizer bewusst.

Die vierte und letzte Unterart der Psychopharmaka, die Herr Kramer mit uns besprochen hat, waren die so genannten „Psychostimulanzien“. Diese steigern die psychischen Leistungen, wirken antriebssteigernd sowie leistungs- und konzentrationsfördernd. Sie werden bei ADHS, Demenz, Narkolepsie und Übergewicht eingesetzt. Wir erfuhren, dass Drogen bei den Psychostimulanzien eine große Rolle spielen. Hierzu gehören vor allem Ecstasy, Kokain, Amphetamin (Speed)- Derivate (ADHS), aber auch Coffein und Nikotin. Zentral lösen sie eine Euphorie aus, die Konzentration steigt, das Bewegungsbedürfnis steigt, ein Schlafbedürfnis ist nicht vorhanden und die Energiereserven werden voll ausgenutzt. Peripher bewirken sie eine Abschwellung der Nasenschleimhäute, Erweiterung der Bronchien und die Arterien verengen sich. Nebenwirkungen sind Herzrasen, Schweißausbrüche, Aggressivität, trockener Mund und Tremor.

Da wir immer wieder auch viele Fragen stellen konnten, auf die Herr Kramer mit seinen reichhaltigen Erfahrungen aus der täglichen Arbeit in der Apotheke aber auch aus der Beratung von stationären Pflegeeinrichtungen antwortete, blieb uns dann leider keine Zeit mehr, noch die Gruppe der Antidementiva zu besprechen – eine Medikamentengruppe, die laut Herrn Kramer angesichts des demographischen Wandels mit der Zunahme an Demenzerkrankungen enorm wichtig werden wird. Hierauf aber wollen wir dann demnächst noch genauer blicken, wenn das Thema Demenz im Unterricht ansteht.

Was uns allen besonders in Erinnerung geblieben sein dürfte, war die Information, dass Psychopharmaka oftmals sogar erst psychische Erkrankungen erzeugen. Und: Die gleichzeitige Einnahme von mehreren Medikamenten muss wohl überlegt sein, kann sie doch zum Teil lebensgefährlich bzw. zumindest sehr gesundheitsschädigend sein – weshalb also wir Pflegenden bei der Medikamentenvergabe immer mitdenken müssen und eine zentrale Rolle einnehmen!

Um dies zu verdeutlichen, berichtete Herr Kramer vom so genannten medikamenteninduzierten Parkinson, der zum Beispiel dadurch ausgelöst werden kann, dass wir einem Bewohner viermal täglich MCP-Tropfen verabreichen und ihm dazu noch das eigentliche Neuroleptikum geben. Die Folge davon ist, dass sich die Arzneimittel in ihrer Wirkung potenzieren. „Sie erzeugen so einen Parkinson vom Allerfeinsten“, warnte Herr Kramer.

Trotz des fachlich sehr anspruchsvollen Themas hat es Herr Kramer vor allem auch durch die vielen Praxisbezüge geschafft, dass wir bis zum Ende des Vortrags interessiert zuhörten. Und neben all den wichtigen Informationen für unsere berufliche Praxis in der Heilerziehungspflege inklusive Thematisierung der Wirkungen, aber auch der schonungslosen Benennung von Risiken und Nebenwirkungen, haben wir sogar noch Tipps für den „Hausgebrauch“ mitbekommen. So zum Beispiel einen Tipp, wie man mit der Einnahme von einigen Tropfen Flumitrazepam Flugangst mindern kann.

Vielen Dank für den interessanten und spannenden Vortrag, dessen Inhalte uns ganz sicher in der Berufspraxis als Heilerziehungspfleger/in begleiten werden.

Text: Ronja Hoogen (HEP/O)
Fotos: Andreas Mäteling


Hinterlasse einen Kommentar