„Ich habe sehr viel Glück gehabt!“
Anlässlich des 62. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz kam Prof. Dr. Arno Lustiger am 7.2.07 in die Lise-Meitner Aula nach Geldern. Organisiert wurde die Veranstaltung, in der die Einführung und die Abschlussworte vom Bürgermeister von Geldern übrnommen wurden, von der VHS Gelderland. Schüler des Berufskollegs der Liebfrauenschule, des Lise-Meitner-Gymnasiums, des Friedrich-Spee-Gymnasiums und der Realschule an der Fleuth sowie einer Klasse der Geschwister-Scholl-Hauptschule bekamen für den Vortrag des Journalisten, Publizisten und anerkannten Historikers am Mittwoch zwei besondere Geschichtsstunden geboten und ein von dem einem oder anderen Schüler vielleicht erwarteter anstrengender Vortrag stellte sich schnell als eine ergreifende Lebensgeschichte heraus, die unter die Haut ging. Während Professor Lustiger, mal ergreifend, mal humorvoll, von seinen Erfahrungen mit den Nazis erzählte, hörten die Schüler gespannt zu.
Zuerst schilderte der 82-jährige seine Gymnasialzeit in der polnischen Stadt Bedzin (Oberschlesien), in der er als einer von 25 000 Juden von 45 000 Einwohnern keineswegs zu einer Minderheit gehörte. Er engagierte sich bei den Pfadfindern und beteiligte sich nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Polen im September 1939 am Widerstand in seiner Heimatstadt. Doch dann wurde er als 16-Jähriger zur Zwangsarbeit in eine Holzwarenfabrik zur Herstellung von schweren Kisten für Flugzeugbomben geschickt. Jedoch, was im 40 Kilometer entfernten Auschwitz passierte, ahnte zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Im August 1944 wurde er gefangen genommen und in das Außenlager Blechhammer deportiert. Dort wurde ihm die Häftlingsnummer A-5592 tätowiert, die er später den Schülern auch zeigte. Auf die Frage von Lisa aus unserer AH 13, warum er sich die Nummer nicht weglasern lasse, entgegnete er: „Diese Nummer ist nicht meine Schande. Sie ist die Schande derer, die sie mir eingebrannt haben. Und die soll nie vergessen werden.“
In Blechhammer stellte Lustiger zusammen mit 20 000 Strafgefangenen synthetisches Benzin aus Kohle her. „Es war ein täglicher Kampf ums Überleben, da wir als kriegswichtige Fabrik ein begehrtes Ziel für Bombenabwürfe der Alliierten waren.“, so Lustiger. „Es gab nur Schutzbunker für die Deutschen und für das Werkzeug.“
Im Januar 1945 ging er schon sehr geschwächt in den Todesmarsch zum KZ Buchenwald. Nur die Hälfte der Häftlinge kam an. „Ich habe sehr viel Glück gehabt in meinem Leben“, erklärte Lustiger sein Überleben in sechs Konzentrationslagern und zwei Todesmärsche. Doch im letzten Todesmarsch von Langenstein im April 1945 machte er einen Fluchtversuch und versteckte sich mit anderen Häftlingen in einer Baracke. Eindrucksvoll schilderte er seine Angst, als er das Schnüffeln der Suchhunde hörte und entdeckt wurde. „Ich wusste, wenn ich jetzt nicht noch einmal versuche zu fliehen, sind dies die letzten Meter meines Lebens, denn jeder Fluchtversuch wurde mit Erschießen bestraft.“ So floh er ein zweites Mal und weiß bis heute nicht, ob die Aufseher „nur schlechte Schützen waren, oder gute Menschen, die das baldige Ende des Krieges erkannten.“ Er hatte wieder einmal Glück und wurde von den Amerikaner gefunden und aufgepäppelt. Danach arbeitete er als uniformierter Dolmetscher für die amerikanische Armee.
Nach dem Krieg ging er nach Frankfurt und baute als Textilfabrikant ein Modeunternehmen für „ältere Damen, die sich noch jung fühlen“ auf. Dort lebt er noch heute und war einer der Mitbegründer der Jüdischen Gemeinde dort. In einer anschließenden Fragerunde in der Aula wurde er gefragt, ob er ein gläubiger Mensch sei. „Ich glaube manchmal, manchmal aber auch nicht. Ich bin kein strenggläubiger Jude. Jedoch habe ich mich nie meiner Religion geschämt. Im Lager wollten sie mir einreden, ich sei minderwertig, aber ich wusste immer, dass sie minderwertig sind.“
Lauten Applaus ließ Lustiger kaum zu und forderte die Jugendlichen stattdessen auf, „weiterhin auf dem richtigen Weg zu bleiben und mit offenen Augen durch die Welt zu gehen“.
Text: Anna Greshake
Fotos: c Karl-Heinz Pasing VHS Gelderland
Schüler: „Wie reagieren Sie auf Berichterstattung der Naziverbrechen im Fernsehen?“
Lustiger: „Wenn ich Reportagen oder ähnliches sehe, kommen bei mir nur professionelle Gefühle hoch. Das ist wie bei einem Chirurg. Man gewöhnt sich dran und schützt sich so davor.“
Schüler: „Wie finden Sie die Kraft, Ihre schrecklichen Erlebnisse zu verarbeiten?“
Lustiger: „Sicher sind viele, die das erlebten, was ich erlebt haben, psychisch geschädigt. Aber das Bücherschreiben ist wie eine Therapie für mich“ (Anm.: Prof. Lustiger beherrscht mehrere Sprachen und veröffentlicht in vielen Ländern der Welt. 2004 erschien sein Buch „Sing mit Schmerz und Zorn – Ein Leben für den Widerstand“).
Schüler: „Wie geht Ihre Familie damit um? Reden Sie mit ihr über diese Zeit?“
Lustiger: „Sie hat lange nichts davon gewusst. Auch meine Frau nicht. Als meine zwei Töchter gefragt haben, was denn meine Häftlingsnummer bedeute, habe ich ihnen geantwortet, dass das meine Telefonnummer ist. Ich wollte ihnen ein normaler Vater sein und sie nicht ständig mit meiner Vergangenheit belasten. So erfahren sie aus meinen Büchern, was mir passiert ist und sind nicht immer sehr erfreut darüber.“
Schüler: „Hat sich durch Ihre Erfahrungen Ihr Weltbild verändert?“
Lustiger: „Mir ist klar geworden, dass Menschen zu allem fähig sind. Aber trotzdem glaube ich nicht, dass sich so etwas wie der Holocaust in diesem Ausmaße wiederholen wird.“
Schüler: „Was halten Sie von dem Fahnenschwenken und Singen der Nationalhymne während der Zeit der Fußballweltmeisterschaft hier in Deutschland?“
Lustiger: (lacht) „Das war doch sehr schön. Das war gesunder Patriotismus. Ich finde, ein Land ist wie eine große Familie: Wenn etwas Schönes passiert, sollte man sich freuen. Aber man sollte sich auch schämen, wenn etwas nicht gut läuft.“
Schüler: „Darf man über Hitler lachen?“
Lustiger: „Sie spielen auf den neuen Film an? (Anm.: Helge Schneider in der Hauptrolle in Dany Levis Hitlerparodie „Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“) Den werde ich mir nicht anschauen. Über einen Mann, der Millionen von Menschen umgebracht hat, kann und darf man nicht lachen. Er war ein Verbrecher, das sollte man nicht verharmlosen.“
Schüler: „Wenn Hitler in diesen Raum kommen würde und Sie um Verzeihung bitten würde, würden Sie sie annehmen?“
Lustiger: „Nein. Das kann ich auch gar nicht. Er hat so vielen Menschen unendliches Leid angetan. Ich würde ihn zur Hölle jagen!“


