Ein Tag mit Einschränkungen – hautnah erlebt

Die Studierenden der HEP-Unterstufe erleben körperliche Einschränkungen im Selbstversuch. Wie fühlt es sich an, wenn einfache Handgriffe plötzlich schwerfallen? Was passiert, wenn gewohnte Bewegungen nicht mehr selbstverständlich funktionieren oder das Sehen und Hören eingeschränkt sind? Und wie wirkt sich der Alltag aus, wenn man bei vielen Dingen auf Unterstützung angewiesen ist?

Wir Studierenden der Unterstufe konnten diese Fragen am 09.01.2026 am eigenen Körper erfahren. Mithilfe eines Alterssimulationsanzugs erlebten wir eindrucksvoll, wie es ist, mit körperlichen Einschränkungen zu leben. Diese besondere Erfahrung bereitete uns intensiv auf unser bevorstehendes Praktikum in der Behindertenhilfe vor. Ausgestattet mit Gewichten an Armen und Beinen, Bandagen zur Einschränkung der Beweglichkeit, speziellen Tremor-Simulationshandschuhen, Brillen, die verschiedene Augenerkrankungen simulieren, sowie mit Kopfhörern wurden zentrale Sinnes- und Bewegungsfunktionen stark reduziert. Schon nach kurzer Zeit stellten wir fest, dass alltägliche Situationen plötzlich zur großen Herausforderung wurden.

Das Gehen fiel schwer, die Beine fühlten sich steif und kraftlos an, das Gleichgewicht war weg usw.. Jeder Schritt musste bewusst gesetzt werden. Besonders beim Treppensteigen war höchste Konzentration erforderlich. Einige waren auf Unterstützung angewiesen, um Stürze zu vermeiden. Auch das Hinsetzen und Aufstehen gestaltete sich mühsam und verlangsamte jede Bewegung deutlich. Die Simulationsbrille erschwerte das Sehen erheblich – Konturen verschwammen, Entfernungen waren schwer einzuschätzen und das Lesen von Schildern oder Texten wurde nahezu unmöglich. Gleichzeitig führten die Kopfhörer dazu, dass Gespräche nur bruchstückhaft verstanden wurden. Diese Kombination machte deutlich, wie schnell Missverständnisse entstehen können und wie belastend es ist, wenn man Informationen nicht vollständig aufnehmen kann.

Eine besonders eindrückliche Erfahrung machte die Gruppe mit den speziellen Handschuhen, die ein starkes Zittern der Hände simulierten. Präzise Bewegungen waren kaum möglich. Besonders herausfordernd war das Herausnehmen von Medikamenten aus einer Tablettendose mit zitternden Händen. Das Öffnen der kleinen Dose erforderte viel Kraft und Geduld, die Tabletten rutschten zwischen den Fingern weg oder fielen zu Boden. Allein diese scheinbar einfache Handlung wurde zu einer großen Geduldsprobe und löste bei vielen Frustration aus. Dabei wurde deutlich, wie viel Konzentration, Feinmotorik und Ruhe notwendig sind, um Medikamente selbstständig einzunehmen.

Auch der Umgang mit Hilfsmitteln wie Rollator oder Rollstuhl zeigte, wie wichtig Übung, Geduld und Unterstützung im richtigen Moment sind. Türen zu öffnen, enge Wege zu passieren oder sich im Raum zu orientieren, stellte sich als deutlich anstrengender heraus als erwartet.

Unsere Mitstudierende Selyna, die eine der Simulationsbrillen trug, berichtete: „Am Anfang konnte ich mir gar nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, so eingeschränkt zu sehen. In einer fremden Umgebung war ich richtig unsicher und auf Hilfe angewiesen.“ Luca, der den Alterssimulationsanzug ausprobierte, schilderte: „Ich hätte nicht gedacht, dass sich das so real anfühlt. Schon einfache Bewegungen waren anstrengend. Man merkt schnell, wie abhängig man plötzlich von anderen wird.“ Auch Mara reflektierte ihre Erfahrungen: „Man merkt sofort, dass jeder sein eigenes Tempo braucht. Unterstützung muss respektvoll und geduldig sein. Zu schnelle Hilfe kann auch überfordern.“

Viele Studierende beschrieben Gefühle von Unsicherheit, Abhängigkeit und Frustration. Gleichzeitig entwickelte sich ein neues Verständnis für die Herausforderungen, mit denen Menschen mit körperlichen Einschränkungen täglich konfrontiert sind. Der Perspektivwechsel führte zu mehr Empathie und Sensibilität.

Für uns angehende Heilerziehungspfleger/innen war dieser Projekttag weit mehr als eine theoretische Unterrichtseinheit. Er bot eine praxisnahe Möglichkeit, sich in die Lebenswelt von Menschen mit Behinderungen hineinzuversetzen. Wer selbst erlebt hat, wie schwer selbstständige Handlungen sein können, begegnet Betroffenen, die wir künftig betreuen, ganz bestimmt mit mehr Geduld, Respekt und Wertschätzung.

Der Selbstversuch zeigte deutlich: Kleine alltägliche Handlungen sind nicht selbstverständlich. Sie erfordern Kraft, Koordination, Wahrnehmung und Selbstvertrauen – Fähigkeiten, die in der pädagogischen Arbeit besonders achtsam begleitet und unterstützt werden müssen.

Text: Wiktoria Skwara & Nadja Voronin (HEP/U)
Fotos: Andreas Mäteling


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