Teilhabe und mehr fördern mittels inklusiver Erlebnispädagogik
Teilhabe und mehr fördern mittels inklusiver Erlebnispädagogik: Wie das geht, erfuhren die angehenden Heilerziehungspfleger/innen der HEP/B in einem Seminar hautnah.
Am 2. September 2025 hatten wir Berufspraktikant*innen der Heilerziehungspflege an der Liebfrauenschule einen ganz besonderen Unterrichtstag: Im Blockunterricht stand die Erlebnispädagogik im Mittelpunkt. Unter der Leitung von Markus Scholz, der unsere Klasse nun schon seit zwei Jahren als Lehrkraft begleitet, konnten wir nicht nur unser theoretisches Wissen vertiefen, sondern auch viele Methoden direkt selbst ausprobieren.
Der Tag startete um 8:30 Uhr im Meditationsraum. Dort vermittelte uns Herr Scholz zunächst die Grundlagen der Erlebnispädagogik. Er stellte die Ansätze von Kurt Hahn vor, in denen besonders betont wird, dass die Verantwortung für sich selbst und für andere im Zentrum steht. Außerdem ging es um die Bedeutung von Reflexion, darum, wie man Herausforderungen spannend, aber nicht überfordernd gestaltet, und um die Haltung der Anleitenden auf Augenhöhe. Besonders interessant war der Gedanke, dass Erlebnispädagogik nicht immer draußen in der Natur stattfinden muss. Auch moderne Settings wie Escape-Rooms oder Stadterlebnisse können wertvolle Lernfelder sein.
Ein weiterer Schwerpunkt war die Unterscheidung zwischen Methodik und Didaktik: Spiele und Übungen sind die methodischen Werkzeuge, während die didaktische Ebene darüber entscheidet, wie Regeln gesetzt, reflektiert oder angepasst werden. Immer wieder stand die Frage im Raum, wie wir mit Erlebnispädagogik Teilhabe fördern können, gerade in der Arbeit mit Menschen mit Assistenzbedarf.
Nach einer kurzen Pause kam dann so richtig Bewegung ins Spiel. Den Anfang machte das Kissenrennen: Zwei Kissen wurden in einem Sitzkreis mit den Füßen weitergegeben, allerdings nicht einfach an die direkte Nachbarperson, sondern jeweils über eine Person hinweg. Das sorgte für ordentlich Dynamik, Gelächter und gute Stimmung. Kleine Tricksereien wurden mit Humor aufgenommen, die Gruppen feuerten sich gegenseitig an. Das machte deutlich: Spielen soll Spaß machen.
Anschließend folgte das Würfelspiel, das Kognition, Merkfähigkeit und Kreativität förderte. Jede gewürfelte Zahl stand für eine vorher erfundene Bewegung, die die gesamte Gruppe mitmachen musste. Mit jedem Wurf wurde es komplexer und herausfordernder, sich die Bewegungen zu merken und schnell gemeinsam umzusetzen. Dabei wurde spürbar, wie flexibel Erlebnispädagogik sein kann: Bewegungen lassen sich leicht anpassen, sodass wirklich alle mitmachen können.
Danach ging es nach draußen in den Park neben der Schule. Dort wurden wir in drei Gruppen aufgeteilt und bekamen die Aufgabe, drei grobe Spielideen weiterzuentwickeln und anzuleiten:
• Gruppe 1 plante einen Parcours, bei dem die Teilnehmenden sich an den Händen hielten und gemeinsam über ein Seil oder Hindernis steigen mussten. Mit verbundenen Augen wurde es noch spannender: Nur eine sehende Person durfte Anweisungen geben. Vertrauen war hier der Schlüssel.
• Gruppe 2 entwickelte ein Spiel, bei dem eine Person mit Augenbinde ausschließlich über vereinbarte Geräusche durch einen Parcours geleitet wurde. Hier standen Kommunikation ohne Worte, Merkfähigkeit und Vertrauen im Mittelpunkt.
• Gruppe 3 setzte einen Linien-Parcours um, bei dem sich die Gruppe nur auf bestimmten Linien bewegen durfte. Das forderte Planung, Koordination und Zusammenarbeit.
Alle Gruppen achteten darauf, die Spiele so zu gestalten, dass sie an verschiedene Zielgruppen angepasst werden können. Auch wenn die Übungen zunächst für eher „fitte“ Teilnehmende gedacht waren, zum Beispiel für Schulkinder mit geringen Beeinträchtigungen, wurden immer auch Möglichkeiten der Vereinfachung oder Variation diskutiert, etwa durch leichtere Hindernisse, andere Bewegungsformen oder den Einsatz zusätzlicher Sinneskanäle.
Am Nachmittag wartete mit dem „Tower of Power“ noch ein bekanntes, aber immer wieder herausforderndes Spiel: Die Gruppe stand im Kreis, alle hielten bunte Bänder in der Hand, die in der Mitte an einem Haken zusammenliefen. Damit mussten Holzklötze aufeinandergestapelt werden. Eine Übung, die viel Geduld, Koordination und Nerven verlangt.
In der Reflexion wurde deutlich, dass das Spiel bei Teilnehmenden auch Frustration hervorrufen kann und genau darin ein Lernmoment steckt: Wie gehe ich mit Misslingen um, wie mit dem Gefühl, nicht die Kontrolle zu haben? Gerade im Kontext mit Menschen mit Einschränkungen kann das Spiel Perspektivwechsel ermöglichen, weil es zeigt, wie sich Hilflosigkeit oder Abhängigkeit anfühlen können. Aus Sicht der Anleitenden wurde klar, wie wichtig es ist, in solchen Situationen konsequent zu bleiben und nicht vorschnell zu erleichtern, sonst ginge der eigentliche Lerneffekt verloren.
Im Anschluss folgten noch Vertrauensübungen mit einer Leiter, die nur durch Seile von der Gruppe gehalten wurde. Jede*r Einzelne musste darauf vertrauen, dass die Gruppe die Leiter stabilisiert und man sicher hinaufsteigen konnte. Hier wurde noch einmal erlebbar, wie stark Erlebnispädagogik auf gegenseitiges Vertrauen und die Sicherheit in der Gruppe setzt.
Ein zentrales Fazit aus den Reflexionsrunden war außerdem, dass Freiwilligkeit in der Erlebnispädagogik unverzichtbar ist. Niemand darf gezwungen werden, sich auf eine Übung einzulassen, nur wenn die Entscheidung freiwillig ist, können echte Lernprozesse entstehen.
Der Erlebnispädagogik-Tag machte deutlich, wie vielfältig Spiele und Übungen im pädagogischen Kontext eingesetzt werden können. Theorie und Praxis griffen ineinander: Während am Morgen Prinzipien wie Augenhöhe, Mitgestaltung und Herausforderung vermittelt wurden, konnten wir diese am Mittag unmittelbar erleben und selbst gestalten. Besonders spürbar wurde dabei, dass Erlebnispädagogik nicht nur methodische Vielfalt bietet, sondern auch wesentliche Kompetenzen wie Kooperation, Vertrauen, Selbstwahrnehmung und Teilhabe fördert. Das sind alles zentrale Bausteine unserer Arbeit in der Heilerziehungspflege.
Zum Abschluss setzten wir uns noch einmal zusammen, um den Tag zu reflektieren. Zunächst konnten wir unsere Eindrücke anonym auf Zetteln festhalten, anschließend kamen wir auch noch kurz im Klassenverbund ins Gespräch darüber, welche Erfahrungen und Gedanken wir mitnehmen. Auch nach den einzelnen Spielen hatten wir bereits kleinere Reflexionsrunden eingeplant, damit Eindrücke und Denkanstöße direkt aufgegriffen werden konnten.
Am Ende wurde aber noch einmal spürbar: So vielfältig und spannend die Methoden auch sind, ohne Reflexion bliebe vieles an der Oberfläche. Erst durch das bewusste Nachdenken und Austauschen werden die Erlebnisse zu echten Lernmomenten. Ein für uns sehr lehrreicher Tag, bei dem wir noch dazu viel Spaß hatten – rundum gelungen also!
Text: Emma Schwickert (HEP/B)
Fotos: Johanna Schwitalla (HEP/B)





