Schräge Vögel in der „Drosselgasse 12a“

Drosselgasse? Das kommt einem doch irgendwie bekannt vor!

Im Deutschlandfunk wird die „echte“ Drosselgasse in Rüdesheim am Rhein als „Deutschlands kleinste Vergnügungsmeile“ beschrieben. „Pittoresk, fröhlich und typisch Rhein.“ Ihren „gemächlich-gemütlichen Zauber“ suchen jährlich drei Millionen Touristen – „japanisch, englisch, deutsch.“ (vgl.: https://www.deutschlandfunkkultur.de/die-drosselgasse-im-hessischen-ruedesheim-man-muss-immer-100.html)

Wer die echte Drosselgasse kennt, stößt unweigerlich auf die Frage: Wie kann eine so altmodische, deutschtümelnde, schenkelklopfende Fachwerk-Bilderbuchidylle titelgebend für ein funkelnagelneues Schulmusical werden? „Weiß der Geier“, möchte man sagen. Tatsächlich heißt die Besitzerin des Hauses 12 a in der Drosselgasse (gespielt von Hannah Sator) Frau Geier. Verweist dieser Name auf ihre Rolle der typischen, hartherzigen und habgierigen Vermieterin, die ihre armen Mieter wie ein Aasgeier umkreist? Zunächst scheint es so, aber am Ende entpuppt sie sich als diejenige, die tatsächlich den großen Überblick über die Geschehnisse hat und alles weiß…

Das Altstadtambiente bietet zunächst einmal Ideen für ein zauberhaftes Bühnenbild: Der Eckkneipe „Finkenkrug“ steht der Friseursalon „Föhnix“ gegenüber. Dahinter verläuft die Drosselgasse, auf der sich das Leben abspielt. Der Zuschauer blickt quer über das Sträßchen auf einen geräumigen Altbau aus roten Ziegeln mit Balkon, weißen Kassettentüren und reichlich Bewuchs aus Blüh- und Kletterpflanzen. Die Fassade ist nach Art einer Puppenstube so weit geöffnet, dass man in die Wohnungen hineinschauen kann: in die kleine Junggesellenbude des schlicht gestrickten Hausmeisters Michael (Jakob Verrieth), bestückt mit Putzeimern und Besen sowie einem Fernseher, das kühle und moderne Esszimmer des jungen Aufsteiger-Pärchens Jan und Julia (Lisa Carsten, Adele Capra), die nur vom Handy aus miteinander kommunizieren, weil sie ihre Termine zwischen Fitnessstudio und angesagtem Sushi-Restaurant kaum koordinieren können, die improvisierte Küche der Mädchen-WG (Sinja Deckwerth, Lisanne Janßen, Johanna Henders, Joy Fockenberg), in der bezeichnenderweise ein Filmplakat zu „Der bewegte Mann“ hängt, und das ordentliche Appartement der jungen Sophia, die entgegen den Plänen ihrer Eltern ihren Traum verwirklichen möchte, Tänzerin zu werden. Nur die Wohnung von Frau Geier ist nicht einsehbar. Die heruntergezogene Jalousie zeigt hin und wieder eine geheimnisvolle Person als Schattenbild.
Im Finkenkrug residiert der rätselhafte Flink (Jill Daemen) anscheinend als guter Geist der Nachbarschaft. Er bietet neben reichlich Alkoholischem auch jeden Abend gute Stimmung und für jeden Kummer offene Ohren und guten Rat. Die sensible Friseurin Jenny (Amelie Halmans), Chefin im Salon Föhnix, muss z.B. immer wieder emotional aufgebaut werden. Sie bemerkt die schüchterne und beständige Zuneigung Michaels überhaupt nicht, weil sie so sehr in ihrem Kummer gefangen ist. Als sie 16 Jahre alt war, hat sie – von allen verlassen – ihre kleine Tochter zur Adoption freigeben müssen. Sie hofft verzweifelt darauf, dass die Tochter irgendwann bei ihr erscheint, und möchte ihr mit dem Friseursalon ein Nest bieten, dessen sie sich nicht schämen muss.

Zu guter Letzt lebt in der Drosselgasse natürlich auch ein schrulliger alter Ornithologe mit seiner Frau. Achim und Ilse (Theresa Serfas, Eva Kolmans) sind ein spießiges altes Ehepaar, beide zanken sich gekonnt und beständig, sind sich aber völlig darin einig, dass der „Tatort“ wichtiger ist als alles andere. Achims liebster Aufenthaltsort liegt über dem Salon Föhnix, ein kleiner Balkon, zwischen dessen üppig bepflanzten Blumenkästen er sein Fernglas getarnt hat, das er nicht nur auf gefiederte Vögel, sondern auch auf menschliche richten kann…

Das Idyll dieser Kolonie schräger Vögel im Haus Drosselgasse 12a wird bedroht. Eines Tages taucht der dämonische Schwarz (Nike Schwarz) auf, der sich als alter Bekannter und Gegenspieler von Flink zu erkennen gibt. Er beginnt, Flinks Werk, die intakte Nachbarschaft, mit einer Intrige zu bedrohen, indem er Frau Geier einflüstert, eine schlechte Geschäftsfrau zu sein, viel zu niedrige Mieten zu nehmen und aus dem Haus Drosselgasse 12a einfach nicht das Potenzial herauszuholen, das in ihm steckt. Die Folge: Die Mieter erhalten drastische Mieterhöhungen oder Kündigungen.

Für alle bedeutet das mehr als nur materiellen Verlust. Es bedeutet die Zerstörung von Lebensträumen. Sophia, die doch immer nur tanzen wollte, sieht sich schon das Steuerberatungsbüro ihres Vaters übernehmen. Besonders Jenny ist getroffen. Die Aussicht, den Salon Föhnix zu verlieren und mit nichts als Schulden dazustehen, heißt für sie, niemals die Achtung und Liebe ihrer Tochter gewinnen zu können. Es ist Flink, der die Nachbarn zum Widerstand motiviert: „Wenn du heute aufgibst, wirst du nie erfahren, ob du es morgen geschafft hättest. Scheitern darf man, aber nicht aufgeben.“ „Enttäuschungen sind nur die Haltestellen im Leben, an denen man entscheiden muss, ob man in eine andere Bahn einsteigt. Das Ziel darf man nicht aufgeben.“ „In Forest Gump und in Notting Hill klappt es doch auch. Auf die Stimme des Herzens hören.“

Das Ergebnis sind aber nur hilflose Aktionen. Ihre Empörung drücken die Mieter in einem zornig umgedichteten Udo-Jürgens-Song aus: „Wir packen uns’re sieben Sachen und zih‘n aus aus diesem ehrenwerten Haus!“ Jenny stellt vor ihr Geschäft das Schild: „wir schliessen“. Und die von Flink organisierte Demo läuft ins Leere.

In dieser Situation kippt die Geschichte und erhält für den Zuschauer eine ganz neue Bedeutung. Was als witziges Sozialdrama à la „Katze mit Hut“ begann, wird zu einer dämonischen Parabel auf das „Spiel des Lebens“. Nachts vor dem Finkenkrug treffen sich Flink und Schwarz und enthüllen ihr wahres Wesen. Sie sind Gegenspieler, ja, aber nicht im simplen Sinne von Gut gegen Böse – wobei man in einer Schulaufführung und noch dazu in einem Musical auf den Sieg des Guten wetten kann – sondern eher wie die zwei Seiten einer Medaille, wie Kraft und Gegenkraft, Ying und Yang. Keiner ist besser als der andere, beide brauchen sich gegenseitig und ihre Auseinandersetzungen drehen sich um das Gleichgewicht in der Welt. Schwarz macht sich mit zynischer Gleichgültigkeit über Flinks primitiven Streik lustig. Seine Bosheit erscheint nicht als heftiger Zorn, sondern Nike Schwarz spielt kühl und unberührt. Mit arroganter Kälte, in leise näselndem Ton offenbart er seine Unmenschlichkeit. Mit Verblüffung und Verständnislosigkeit nimmt der Zuschauer den folgenden Dialog zur Kenntnis: Flink spendiert einen besonders guten Tropfen, einen französischen Rotwein aus dem Jahr 1793, und erinnert damit an die Enthauptung Marie Antoinettes, bei der Schwarz der Henker war – ein Sieg von Schwarz gegen die Rettungsversuche Flinks. Flink dagegen erinnert an seine Siege im Spiel gegen Schwarz, z.B. die Verbannung Napoleons nach St. Helena und die darauffolgenden Friedensjahre oder den Beginn des Christentums. Unheimliches Licht liegt auf der Szene, in der Schwarz und Flink als Gegner in einem gemeinsamen Kartenspiel ihre Ziele offenbaren. Der Zuschauer begreift schließlich, dass die beiden keine Menschen sind. Sie sind beide unsterblich. Wenn sie sterben könnten, würden sie sich auf dieser Erde zu Tode langweilen. In ihrem Kampf gegen die Langeweile machen sie die Menschen zu Spielfiguren auf dem Spielbrett der Weltgeschichte. Sie stoßen in aller Eintracht auf den Beginn ihres Spiels an – dabei sehen sie aber nicht, dass hinter der verschlossenen Jalousie von Frau Geiers Wohnung eine dritte Person beteiligt ist. Als Schattenspiel erscheint eine Figur mit Narrenkappe – vielleicht eine Art Eulenspiegel – und prostet Schwarz und Flink zu. Also ist noch jemand im Spiel des Lebens beteiligt, in dessen Spiel wiederum Schwarz und Flink mitspielen, ohne es zu ahnen…

Schwarz fühlt sich ein wenig beleidigt, von Flink „nur“ zum Spiel um die Zerstörung der Nachbarschaft in der Drosselgasse herausgefordert worden zu sein, sonst haben sie schließlich um Bedeutenderes gespielt. Flink kontert: „Es muss nicht immer um die Weltgeschichte oder um Großreiche gehen, warum nicht einmal das Gewöhnliche wählen?“ So erhält die altmodische, deutschtümelnde, schenkelklopfende Fachwerk-Bilderbuchidylle Rüdesheims hier ihre einmalige Bedeutung: als Prototyp des einfachen, durchschnittlichen und alltäglichen Lebens alltäglicher Menschen, also als Prototyp des Lebens aller. Damit stehen alle vor der existenziellen Frage: Bin ich nichts als eine Spielfigur im Kräftemessen widerstreitender Mächte? Ist mein Leben zufälliges Produkt der Willkür anderer? Was ist mit meiner Verantwortung und meiner Entscheidungsfreiheit über mich selbst? Hat es Auswirkungen, auf die Stimme des Herzens zu hören und das Ziel nicht aufzugeben?

Kann man in einer Schulaufführung und noch dazu in einem Musical auf den Sieg des Guten wetten? Natürlich! Deswegen müssen Flink und Schwarz schließlich beide als Besiegte die Bühne verlassen. Eine weitere Wendung der Geschichte muss jetzt sein.

Die verzweifelte Sophia hört zufällig das Gespräch mit und traut ihren Augen und Ohren nicht. Voller Angst teilt sie sich dem Ornithologen-Paar mit. Achim und Ilse nehmen sie wie resolute Großeltern unter ihre Fittiche und erweisen sich als mutige Kämpfer für das Selbstbestimmungsrecht. Sie lassen sich nicht als Spielfiguren behandeln.

Wer schon einmal beobachtet hat, wie Kiebitze todesmutig Elstern angreifen, die ihre Küken bedrohen, wie Meiseneltern Katzen von ihren Nistkästen weglocken oder wie Wachholderdrosseln sich zu Schwärmen zusammenschließen, um die viel größeren Krähen von ihren Kolonien zu verjagen, der weiß: Vögel verteidigen ihre Nester. Und wer weiß das besser als der Ornithologe Achim? Er schwingt sich zum Anführer der Gegenoffensive auf. Die Nachbarschaft verwandelt er im Handumdrehen in eine Untergrundbewegung aus schrägen Vögeln, die Flinks und Schwarz‘ Pläne auskundschaften und die beiden in einem Überraschungsangriff tatsächlich gefangen nehmen. Dargestellt wird diese langwierige und verwickelte Handlung sehr effizient in einer schwungvollen, symbolischen Gesangs- und Tanznummer. Restlos skurril wird die Handlung, als dann die Nachbarschaft über die beiden Gericht hält: Im Wohnzimmer des Ornithologen-Paares sitzen Schwarz und Flink angekettet auf einem Biedermeiersofa vor einer bunten Vogeltapete. Gelangweilt nehmen sie zur Kenntnis, dass die Nachbarn sie beschimpfen wie die Rohrspatzen, während Ilse als gute Hausfrau eifrig wie ein gackerndes Huhn Erfrischungen anbietet. In der hitzigen Diskussion stoßen die empörten Nachbarn auf ein grundsätzliches Problem: Wie kann man unsterbliche Wesen bestrafen? Man kann sie nicht hinrichten. Aber man sollte sie zumindest unschädlich machen – nur wie?

Im Zeitalter von social media bietet sich eine humane, aber nachhaltige Lösung an. Wenn man Schwarz und Flink schon nicht daran hindern kann, weiterhin mit der Weltgeschichte zu spielen, dann kann man wenigstens effizient vor ihnen warnen – mit einer Shitstorm-Kampagne auf Instagram. So wird es beschlossen, die beiden werden wie geprügelte Hunde in die Freiheit entlassen und die Nachbarn feiern ihren Sieg. Dabei entpuppt sich Frau Geier als die entscheidende Hintergrundfigur, die das ganze Geschehen vom Fenster aus beobachtet, unbemerkt begleitet und ihrer Hausgemeinschaft zum Sieg verholfen hat. Anscheinend war sie der Joker im Spiel.

Der Geier weiß es eben!

Text: Monika Hellebrandt
Fotos: Ewald Hülk


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