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Verdammt gut, das Musical „Verdammte der Finsternis“

4. März 2012

„Entschuldigung“, fragte der graumelierte Herr mit der randlosen Brille zur Pause. „In welcher Stadt wurde das Musical bisher schon aufgeführt?“ Die Antwort war ebenso knapp wie verblüffend: „In keiner!“ Denn das Musical „Verdammte der Finsternis“ erlebte nun in der Aula der Liebfrauenschule so etwas wie eine Welturaufführung. Verantwortlich dafür: Guido Niermann und Thomas Cöhnen, die das Drehbuch im vergangenen Jahr mit vielerlei kreativen, sprich scheußlich-gruseligen bis hin zu skurril-humorvollen Ideen schrieben.
Die schaurig-schöne Geschichte, die angehende Fachabiturienten und Abiturienten der Liebfrauenschule auf die Bühne brachten, ist nicht schnell erzählt: Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe Jugendlicher hat bei einer Internetauktion eine Schlossführung gewonnen. Hinter den trutzigen Mauern von Schloss Hochstein sehen sich die acht Jugendlichen zum ersten Mal. Ihre Charaktere könnten unterschiedlicher kaum sein: Da gehören Mia und Jil, die punkigen Gören, ebenso dazu wie Jenny, die versnobte, blonde Zicke. Mit von der Partie ist auch der pummelige Justus, ein dreimalkluger Streber wie von einem Elite-Internat, und Emely, das leichenblass und in pinken Hello-Kitty-Leggins daher kommende Mädel vom Lande, das mit ihren langen Zöpfen wimmernd die Bangebuchse abgibt.
Kaum jemand der acht Schüler ahnt, was sie erleben werden. Der Grusel lässt nicht lange auf sich warten. Der greise Kastellan, nur scheinbar wie tot schlummernd im Rollstuhl sitzend, aber mit einer gehörigen Portion vorausahnender Perfidie ausgestattet, vermag die cool daherkommende Schülerschar noch nicht ernsthaft ins Grübeln zu bringen. Das gelingt dann aber den beiden Protagonistinnen des Stückes, Rebecca und Amalia von Vredestein, gespielt von Karolin Roeling und Lena Hendrix, umso mehr. Nur alle 30 Jahre kehren die beiden schönen Schwestern für nur eine Nacht auf Schloss Hochstein zurück, um, jede für sich, Erlösung zu finden, denn blutig endete ihr Leben 390 Jahre zuvor. Beide liebten damals denselben Grafen. Doch als Rebecca merkte, dass der von ihr Angebetete ihrer jüngeren Schwester den Vorzug gibt, stieß sie diesem den Dolch mitten ins Herz und tötete sich selbst, worauf auch Amalia aus Gram sich selbst richtete.
Was nun auf der Bühne passiert, ist, sachlich-nüchtern gesprochen, der Wettbewerb zweier Schwestern, um für die Ewigkeit den einen Platz an der Seite des erdolchten Geliebten zu erlangen. Dramaturgisch beinhaltet das aber, die Schülerschar in Angst und Schrecken zu versetzen, indem jeder einzelne der Jugendlichen Spielball einer ganzen Armada von Grusel einflößenden Wesen wird, die Rebecca, die Böse der beiden Schwestern, ruft. Da haben finstere Zombies, fauchende Vampire und elastische Skelette ebenso ihren großen Auftritt wie der „Tod“ und eine alles andere als belustigend daher kommende Truppe von Clowns.
Dramaturgisch sind die Darsteller auf der aufwendig gestalteten Bühne, dem inneren Gemäuer einer alten Ritterburg, ebenso perfekt in Szene gesetzt wie vom Outfit her, der Kostümierung und der Maske. Clou bei alledem: der musikalische Part. Gesang, Live-Musik und Tanz lassen das Stück trotz des makabren Inhalts zu einem überaus kurzweiligen Amusement gedeihen. Alle Songtexte, entlehnt aus bekannten Musicals und der Rock- und Popmusik, entstammen übrigens der Feder der beiden Musical-Autoren und einiger Darsteller.
130 Schüler haben in Kooperation mit sechs Lehrern so seit dem letzten Sommer im Team am Gesamterfolg gearbeitet. In unterschiedlichen Arbeitsgruppen brachten sie sich mosaikartig in das Gesamtwerk ein. Ein Beispiel für viele: Sämtliche Kostüme, selbst die pompösen Gewänder von Amalia und Rebecca, wurden eigenhändig konzipiert und in vielen Stunden maßgeschneidert. „Mitunter waren einzelne Schüler freitags bis Mitternacht oder gar in den Weihnachtsferien in der Schule um zu proben, zu nähen oder das Bühnenbild zu gestalten!“ lobt Guido Niermann das Engagement aller.
Ein Rezept für den Erfolg war aber auch das Casting vor den Sommerferien, bei dem die einzelnen Rollen vor der Lehrerjury ausgespielt wurden. Ein Glücksfall war, dass im vergangenen Jahr mit dem Musical „Dschungelbuch“ eine ähnlich große Produktion in der Liebfrauenschule stattfand. „Eine große Gruppe hatte damals schon mitgearbeitet und konnte daher ihre Erfahrungen einbringen“, erläutert Thomas Cöhnen. Viele Handlungsabläufe, die im Vorfeld einer großen Produktion wichtig sind, seien daher schon eingeübt gewesen.
Was aber bleibt nach sieben Aufführungen mit fast 3000 begeisterten Zuschauern? Zum einen die Gewissheit, dass dieses von Unwirklichkeit und Tod durchtränkte Drehbuch wohl nur in Geldern und sonst nirgends dank eines herausragenden Ensembles mit meisterhaft aufspielenden Akteuren und überaus kreativen Mitstreitern hinter der Bühne so bravourös mit Leben gefüllt wurde. Zum anderen aber auch das Vermächtnis der Amalia, der Guten, die, bevor die befreite Schülerschar sie umringt, singt: „Die dunklen Mächte werden scheitern wegen Liebe, Treue, Freundschaft und ganz viel Mut!“ Große Worte! Großes Theater!

Text und Fotos: Ewald Hülk

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